Web-Bürger als Journalist

Hier ist eine Geschichte, die ich Anfang Juni für die Furche geschrieben habe.

Der Web-Bürger als Journalist

Im Web entsteht eine neue Medienlandschaft: Blogger, Podcaster und Hobbyfilmer machen Medienkonzernen ungeniert Konkurrenz.

Wie viel Geld braucht man, um eine Tausendschaft treuer Leser zu bekommen? Null Cent. Genau diese Summe kostet es, einen Weblog einzurichten. Ein Mikro und ein Laptop reichen aus, um den Radios der Welt Konkurrenz zu machen. Mit einer simplen PC-Webcam für schätzungsweise 30 Dollar drehte der US-Teenager Anthony Padilla ein Video, das binnen sechs Monaten über zwölf Millionen mal angesehen wurde.

Nie zuvor gab es eine Zeit, in der sich die Medienlandschaft so radikal veränderte, wie jetzt. Die nächsten ein, zwei Jahre werden mehr Veränderungen für die Medienindustrie bringen als all die Jahre seit dem Druck der ersten Tageszeitung. Das Web und digitale Produktionsmöglichkeiten versetzen ihre Nutzer in die Lage, es mit den größten Medienkonzernen der Welt aufzunehmen.

Seit der Erfindung des WorldWideWeb durch Tim Berners-Lee im Jahre 1989 ist die Rede von der Demokratisierung der Medien. Zwar konnte bereits damals ein jeder seine eigene Homepage einrichten, zum Phänomen der Massen wird das allerdings erst jetzt. Die Zeit ist endgültig reif für die so genannten „Bürgermedien“: Es ist immer einfacher und billiger geworden, ausreichend viele Nutzer bevölkern das Web, mobile Geräte wie Apples iPod gehören zur Lifestyle-Standardausstattung und die technische Basis zum Abo jeglicher Inhalte ist da.

Browse-Search-Subscribe

Der Softwareentwickler Dave Winer schuf 1999 einen Mechanismus, der Texte, Audio-Dateien oder Videos auf Wunsch in der Sekunde auf den Rechner des Medienkonsumenten lädt, in der sie veröffentlicht werden. Diese Technik nennt sich RSS (Really Simple Syndication) und sorgte für einen Paradigmen-Wechsel im Web: Von Durchblättern (Browse) über die Suche (Search) hin zum Abo (Subscribe).

Die ersten, die Gebrauch von den neuen Mediendistribution machten, waren Blogger. Sie hatten mit RSS ein Werkzeug in der Hand, ihre Webjournale untereinander zu vernetzen. Plötzlich war es nicht mehr nötig, hunderte Nachrichtenquellen manuell im Webbrowser anzusteuern, sondern alle relevanten Inhalte in Echtzeit in einem Programm zu lesen.

Mit den neuen Möglichkeiten verbreiteten sich auch Weblogs rasant. Aktuelle Schätzungen gehen von weltweit 50 bis 70 Millionen Blogs aus. Das Wachstum ist schwindelerregend: Die Anzahl der bei der Blogsuche Technorati vertretenen Webjournale verdoppelt sich alle sechs Monate. Ein Vergleich zeigt allerdings große regionale Unterschiede: Während in Österreich und Deutschland „nur“ rund 350.000 Personen ihren Weblog aktiv führen, sind es in Frankreich bereits über drei Millionen. Mit ein Grund dafür dürfte das Bild von exhibitionistischen Tagebüchern in unseren traditionellen Medien sein. Dieses Image stimmt aber ganz und gar nicht. Zwar gibt es – wie in der gedruckten Medienlandschaft auch – unendlich viel Müll, dazwischen finden sich aber wahre Content-Perlen.

Weblogs gibt es zu jedem denkbaren Thema – von Bienenzüchtern über Fußball-Fans und Autoliebhabern hin zu zynisch-witzig geschriebenen Kolumnen über das jeweils andere Geschlecht. Sie sind Ausdruck eines weiteren Phänomens im Internet: des so genannten „Long Tails“, eines unendlich langen Rattenschwanzes individueller Einzelinteressen. Welche Tageszeitung würde schon über neueste Entwicklungen im Flugzeugbau berichten? Welches Fachmagazin könnte tiefschürfend auf die Interessen der Züchter einer speziellen, exotischen Pflanzen eingehen? Im Internet ist das möglich, denn die Produktionskosten sind gleich null. Dazu kommt der Faktor Zeit: Weblogs sind schnell und ungefiltert geschriebene Texte. Wann immer eine Nachricht ausbricht, ist das Internet als Verteilmedium weit schnell als es Druckerpressen je sein können.

Stimmt die Qualität der Inhalte und publiziert der Blogger fleißig, kann seine Leserschaft schnell in den vierstelligen Bereich wachsen – ohne jemals einen Cent in die Werbung stecken zu müssen. Verantwortlich dafür ist die Software, die hinter den Weblogs steht. Mit einem einfachen Mechanismus macht sie Suchmaschinen nach jeder Änderung darauf aufmerksam, dass neue Inhalte vorhanden sind. Und weil Google & Co. regelmäßig aktualisierte Websites bevorzugen, stehen Blog-Inhalte bei den Suchergebnissen immer recht weit oben.

Nutzer als Programmdirektor

Auch die Audio- und Videodateien der „Podcaster“ werden über das Web vertrieben. Podcasting, laut Encyclopedia Britannica das Wort des Jahres 2005, leitet sich von iPod und „Broadcasting“ (engl. für ausstrahlen) ab. Meist sind es drei bis 20 Minuten lange gesprochene Radiobeiträge im MP3-Format, die nicht über den Äther sondern in regelmäßigen Abständen über das Internet verbreitet werden. Auch hierbei kommt derselbe Abo-Mechanismus wie bei Weblogs zum Tragen. Einmal ins Netz gestellt, wird die Sendung wenige Minuten später auf den PC geladen. Auf Wunsch gelangt sie auch gleich auf den portablen Medien-Player.

Die Verbreitung von Podcasts nimmt rasant zu, weil sie ein Bedürfnis der Nutzer treffen: Der Hörer wird zum Programmdirektor und konsumiert die von ihm gewünschten Inhalte wann und wo er will. Neben Timeshifting ist auch die Einfachheit der Technik ein Grund für den großen Erfolg: Dank der iTunes-Software von Apple ist ein Podcast mit einem Mausklick abonniert.

Den Erstellern von Podcasts geht es in der Regel weniger um Quote und Reichweite als um das Thema selbst. Ihre Leidenschaft zu einem bestimmten Bereich ist hörbar. An Inhalten ist das Angebot ebenso reich wie bei den Weblogs. Von den Selbstgesprächen eines frustrierten deutschen Tankwarts über aktuelle Nachrichten und Wissenschaftsbeiträge bis hin zu Sprachkursen gibt es nichts, das es nicht kostenlos zum Download gibt.

Explosion von Inhalten

Während der Umgang mit Tastatur und Textverarbeitung schon als Kulturtechnik angesehen werden kann, ist der Umgang mit Audio und Video noch eine Herausforderung. Je mehr wir uns aber von analogen, hin zu digitalen Produktionstechniken bewegen, desto einfacher und billiger wird die Produktion der Inhalte. Damit geht eine Explosion der Inhalte einher. Rund 70.000 verschiedene Podcasts soll es weltweit geben und das Wachstum ist nicht linear, sondern exponentiell. Im deutschen Podcast-Verzeichnis podster.de sind aktuell 2069 Podcasts gelistet, 1075 davon sind aktiv, das heißt in den letzten vier Wochen aktualisiert worden. Jeden Tag kommen 30 bis 50 neue hinzu.

Die Zahl der Hörer wächst ebenso schlagartig. Im deutschsprachigem Raum geht man von 800.000 bis 1,1 Millionen Podcast-Nutzern aus. Weltweit sollen es über zehn Millionen sein.  Amanda Congdon verzeichnet täglich etwa 350.000 Downloads ihres dreiminütigen Web-Videos Rocketboom, die Spitze liegt bei 1,2 Millionen an einem Tag. Die Audiodateien von Podtech.net werden 6,6 Millionen mal pro Monat herunter geladen und die Insider-Videos auf Microsofts Channel 9 bringen es auf drei Millionen Besucher (unique visitors) pro Monat.

Der wöchentliche Werbeumsatz bei Rocketboom beläuft sich mittlerweile auf 85.000 Dollar und das bei minimalen Produktionskosten. Ein besserer Camcorder, eine im Wohnzimmer aufgehängte Weltkarte und ein paar Dollar im Monat für den Server reichen aus. Vor der Kamera sitzt Amanda, hinter der Kamera steht ihr Partner Andrew Baron – weiteres Produktionspersonal oder Management gibt es nicht.

Diese Zahlen belegen, dass enorm viel „Juice“, wie man im Silicon Valley sagt, in den neuen Medienformen steckt. Dementsprechend fließt das Risikokapital in den USA in Strömen. Adam Curry, Ex MTV-Moderator und Miterfinder von Podcasting, bekam unlängst 8,8 Millionen Dollar für sein Unternehmen Podshow, Podtech.net streifte bei der ersten Finanzierungsrunde sechs Millionen ein.

Werbung, die kaum zieht

Das Geld soll mit Werbung zurück kommen. Je themenspezifischer, desto geringer die Streuverluste – das freut die Werbewirtschaft und so fließt ein immer größerer Teil ihrer Ausgaben ins Web. Google ist die klare Nummer eins am Online-Werbemarkt, die Anzeigen des Suchmaschinenbetreibers finden sich selbst im letzten Winkel des Internets. Ob diese Form der Werbung wirtschaftlich ist, muss sich allerdings erst zeigen.

Beim Konkurrenten Microsoft spricht man offiziell davon, dass rund jede zweihundertste Anzeige auch angeklickt wird. Eine optimistische Zahl, viele Weblog-Betreiber sind da skeptischer. Mehrere tausend Nutzer pro Tag über mehrere Monate bringen es bei einigen auf Werbeumsätze, die über einen hohen zweistelligen Centbetrag nicht hinausgehen. Dazu kommen Untersuchungen, die zeigen, dass je besser ausgebildet ein Nutzer ist, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass dieser auf Online-Anzeigen klickt.

Konsumiert wird, was interessiert

Für viele der neuen „Citizen Journalists“ ist Geld aber ohnehin nicht einzige Motivation. Es geht mehr um Anerkennung und Aufmerksamkeit. Und je mehr Aufmerksamkeit Weblogs, Audio- und Video-Podcasts gewinnen, desto schwerer wird es für Medienkonzerne, ihre Klientel bei Massenmedien zu behalten. Ihre Bedeutung werden diese zwar nie ganz verlieren, in einzelnen Zielgruppen werden die Verluste aber schon jetzt deutlich.

Die Medienlandschaft im Web wird immer breiter und gleichzeitig spezialisierter, der Medienkonsument auf der einen Seite immer selektiver. Durch Abomechanismen ist es ihm schon heute möglich, sich einmal eine maßgeschneiderte Online-Zeitung zusammen zu klicken, die sich fortan in Echtzeit und auch noch kostenlos füllt.

Die nächsten Jahre werden prägend für Medienhäuser sein. Sie müssen ihren Anteil am Werbekuchen mit Innovationen verteidigen und Journalisten müssen ihre Online-Konkurrenten erst verstehen lernen. Das geht sicher nicht, indem sie von oben herab blicken, sondern im Wissen, dass auch Otto Normalbürger auf ihrer Augenhöhe schreibt. Im Gegensatz zu der in den letzten Jahren stattgefundenen Konzentration der traditionellen Medien wird die Landschaft durch das Web enorm bereichert, das Meinungsspektrum fast unendlich größer.

2 Kommentare
  1. Jürgen
    Jürgen sagte:

    Das Thema „Citizen Journalists“ greift ja anscheinend die Kleine Zeitung jetzt auf… Obwohl ich dir Recht gebe, dass Interaktion die einzige Chance für gedruckte Zeitungen ist, in Zeiten des Web 2.0 bestehen zu bleiben, find ich die derzeitige Umsetzung aber schon sehr fragwürdig… Wen juckt’s, ob die braven Kleine Zeitung Leser bei ihrer Meine-Kleine-Leserreise den Herrn Charles getroffen haben? Dieser hausbackene „Ich-hab-a-Gschichterl-zu-erzählen-die-am-Stammtisch-schon-keiner-mehr-hören-mag“-Ansatz versetzt die Zeitung aufs unterste Niveau von Krone-Revolverblatt-Gschichtln.

  2. Georg Holzer
    Georg Holzer sagte:

    Mich interessiert’s auch keinen Deut, wer Prinz Charles wann und wo trifft. Aber es gibt leider genug Leute, die der Bussi-Bussi-Gesellschaft hinterher hecheln und jeden Schnipsel lesen, wo nur ein Prinz oder eine Britney vorkommt.

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